Dar Dorf Totora, in dem der Zwischenfall mit der Polizei geschah.

Dar Dorf Totora, in dem der Zwischenfall mit der Polizei geschah.

Seit 1995 reist der Vorsitzende des Vereins „Inti Runa“, Ludwig März in regelmäßigen Abständen nach Bolivien, um Fotos für den vereinseigenen Kalender zu erstellen und sich gleichzeitig ein Bild über die Lage vor Ort zu machen. Die verschiedenen Projekte, die der Verein mitbetreut, werden besucht, es erfolgt ein Erfahrungsaustausch und so ist März immer im Bilde, d.h. er gewinnt einerseits einen Eindruck über die Situation, in der sich die Hilfsprojekte befinden und andererseits sieht er, wie sich das Land Bolivien weiterentwickelt.

Dies ist in den vergangenen Jahren nicht zum Vorteil des Landes geschehen. Korruption, die größte Geisel, unter der Bolivien schon sehr lange leidet, ist unter der jetzigen Regierung leider nicht, wie seinerzeit bei Regierungsantritt angekündigt, bekämpft worden, sondern zu einer Volkskrankheit angewachsen. Regierungsstellen, mit denen die Hilfsprojekte zusammen arbeiten sollen, agieren zunehmend negativ, mit Schikane und der Grundeinstellung, dass Ausländer im Land nicht gerne gesehen werden. Genehmigungen werden nicht erteilt, oder verschleppt, die Arbeit, und der Dienst, den die Mitarbeiter unserer Projekte für die Kinder in Bolivien verrichten, werden statt gefördert, eben behindert.

Diese Einstellung der Bolivianer gegenüber den Hilfsprojekten, die auch Ludwig März seit Jahren zu spüren bekommt, wenn er das Land besucht, hat nun einen neuen Höhepunkt erreicht. Beim diesjährigen Besuch, der über drei Wochen ging, musste er sich wiederholt die Klagen der leitenden Mitarbeiter in den Kinderheimen anhören, unter denen diese leiden. Es ist für Außenstehnende nicht nachvollziehbar, warum es diese täglichen Schikanen der Behörden gegenüber Ausländern gibt, anstatt ihre Arbeit für hilfsbedürftige Kinder zu unterstützen.

Die Korruption hat inzwischen derartige Ausmaße angenommen, dass sich die Menschen nicht nur gegenüber Fremden, sondern auch den Einheimischen gegenüber korrupt verhalten, es scheint, jeder versucht gegenüber jedem seinen eigenen Vorteil zu ergattern. Nicht nur die Touristen werden ausgenommen, wo sich die Möglichkeit bietet, auch die eigenen Landsleute werden betrogen sobald sich die Möglichkeit auftut. Willkür von Behörden und Polizei sind Tür und Tor geöffnet. Darunter leidet das ganze Land und die Wirtschaft.

Dies hat März nun bei der diesjährigen Reise eindrucksvoll erlebt: Während eine Autofahrt nach Sucre über Land und Dörfer wurde er von einer Campesinofrau bei der Polizei eines kleinen Dorfes angezeigt und denunziert. Er habe ihre kleine Tochter, die sich bei ihrer Mutter auf der Straße befand, entführen und verkaufen wollen. Der wahre Grund für diese Behauptung war, etwas Geld von dem Fremden zu ergaunern. Der Versuch von März die Frau unterwegs vom Auto aus zu fotografieren, hatte diese zu der Aktion verleitet. Ludwig März musste mit auf die Polizeiwache, es entspann sich ein Streit darüber, ob er fotografiert habe oder nicht und die Begleiter und der Fahrer von März waren außer sich, über die Vorwürfe der Campesinofrau. Immerhin war der Polizeichef des Dorfes einsichtig, nachdem geklärt war, dass keine Fotos von der Frau entstanden waren, konnte März nach einigen Verhandlungen, ohne etwas zu bezahlen, weiter fahren. Allerdings blieb der bittere Nachgeschmack, dass eine einfache Frau vom Lande, die noch nicht einmal Spanisch konnte, sondern nur Ketschua sprach, inzwischen in der Lage ist, einem Fremden ohne Grund große Unannehmlichkeiten zu bereiten.

Die weitere Foto-Reise war geprägt von einer Antihaltung der Einheimischen, wie es Ludwig März bis dato nicht erlebt hatte. Es war zunehmend schwer, Menschen zu fotografieren, immer öfter hieß es „no fotos“. Der Respekt vor Menschen die nicht fotografiert werden möchten ist eine Sache, die andere ist die Unfreundlichkeit und teilweise Agressivität gegenüber jemand, der sich versucht in das Leben der Menschen einzufühlen. Wenn die Arbeit, die man freiwillig für die hilfsbedürftigen Kinder in Bolivien macht, behindert oder gar unmöglich gemacht wird, darf man schon einmal fragen, ob ein weiteres Engagement gerechtfertigt bzw, sinnvoll ist. Die Entscheidung darüber hängt für März von der zukünftigen Situation ab, in der sich Bolivien befindet, im Herbst dieses Jahres sind Neuwahlen.